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18.09.2013 12:55 Uhr

Von der Haft profitieren?! Lehrende tauschten sich über Alphabetisierung im Knast aus


Das Projekt RAUS nahm den Weltalphabetisierungstag am 08. September zum Anlass, ein überregionales Akteurstreffen mit Lehrenden aus dem Strafvollzug umzusetzen. Rund 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland verfügen nicht über ausreichend Lese- und Schreibkenntnisse. Insbesondere in der Haft ist es schwierig, seine Lese- und Schreibprobleme zu verheimlichen.

Einblicke, Durchblicke, Ausblicke – gemeinsam ging´s gut voran

Das Akteurstreffen an dem 11 Lehrende aus diversen Strafanstalten in Deutschland teilnahmen hat aktuelle fachliche Fragestellungen aufgegriffen, Antworten geliefert, neue Ideen ins Spiel gebracht und weiteren Schwung für die Lese- und Schreibförderung Straffälliger verliehen. Unterrichts-Erfolgsmodelle, Finanzierungsmöglichkeiten, innovative Lernmaterialien und Möglichkeiten des Medieneinsatzes in Alphabetisierungskursen im Knast wurden aufgezeigt und diskutiert. Die Akteure waren sich einig: Lese- und Schreibförderung im Strafvollzug ist und bleibt eine zentrale Herausforderung – auch unter Gesichtspunkten von Resozialisierung. Der Einsatz von Computern, Lernspielen wie beispielsweise Winterfest und lebensweltorientierten Materialien kommt bei Lernenden gut an und ist als „Beimischung“ zum Alphabetisierungsunterricht gut geeignet.  

Voll aufgetischt! Die Mitwirkenden begutachten Spiele, Software und weitere Lernmaterialien

Die meisten Alphabetisierungsangebote der Strafanstalten in den Modellstandorten (JSA Berlin, JVA Frankfurt III, JVA Lübeck, JVA Münster, JSA/JVA Wittlich) laufen im Bereich der beruflichen oder schulischen Bildung, finden im Vormittagsbereich statt, werden für die Teilnehmer bezahlt und die Teilnahme daran ist verpflichtend. Die Ausnahme stellt die JVA Münster durch ein Abendangebot dar, das im Freizeitbereich angesiedelt ist. Der wöchentliche Umfang der Angebote variiert von Anstalt zu Anstalt. Ein Großteil bietet einen drei bis vier-stündigen Kurs an, der zwei bis drei Mal pro Woche stattfindet. In der JVA Lübeck umfasst das Alphabetisierungsangebot 20 Stunden pro Woche. 

Mit Spaß bei der Sache – Manfred Döring blickt durch und prüft was hilfreich für die Bildungsarbeit in der JVA Wittlich ist

Bei der Diskussion zum Thema Zertifizierung eines absolvierten Kurses herrschte bei den Teilnehmern des Akteurs-Treffens weitestgehend Einigkeit. Die meisten Strafanstalten sind von ihrem Träger/ihrer Leitung dazu aufgefordert, Zertifikate auszustellen. Dabei sind allerdings Unterschiede festzustellen. Einige Zertifikate dienen der hausinternen Kommunikation über Lern- und Sozialverhalten der Gefangenen. Oft werden zudem, meist auf Wunsch der Gefangenen, Zertifikate zur weiteren Nutzung mit Blick auf Resozialisierung und Bewerbungen ausgestellt. Die meisten Lehrenden vertraten die Auffassung: Die Frage, ob das Zertifikat ein Wohlfühl-Element darstellt oder tatsächlich auf dem weiteren Werdegang, zum Beispiel mit Blick auf Bewerbungen, hilfreich ist, ist eigentlich nachrangig. Die Teilnehmer honorieren in der Regel Zertifikate, messen ihnen einen hohen Stellwert bei und die Entscheidung, ob diese einer Bewerbung beigelegt werden, kann jeder Teilnehmer für sich entscheiden, so dass niemand einen Nachteil durch ein „Alphabetisierungs-Zertifikat“ hat.

Tim Tjettmers, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „RAUS“ leitet seit fünf Jahren ehrenamtlich den Lese-Workshop in der JVA Münster. Er bilanziert den Austausch mit den Kollegen: „Vielfach hat man als Kursleiter nicht die Möglichkeit, sich außerhalb der eigenen JVA über die Arbeit mit den Strafgefangenen auszutauschen. Manchmal schmort man im eigenen Saft. Bei unserem Treffen konnten wir uns nicht nur über unsere alltägliche Arbeit im Knast austauschen und gemeinsam Lösungen für heikle Fälle diskutieren, sondern auch von neuen Lehransätzen und Motivationsmöglichkeiten erfahren“.

Nach vollem Programm und getaner Arbeit ging´s auch abends kommunikativ weiter

Die Teilnehmer waren sich einig, dass das Treffen sehr produktiv und fruchtbar war, zu vielen Ergebnissen führte und für die Praxis hilfreiche Ideen und Ergebnisse bietet. Daher trifft man sich bereits im Frühjahr 2014 zum nächsten Austausch in Münster. Beim nächsten Treffen werden verschiedene Materialien und Verfahren zur Diagnostik vorgestellt und diskutiert. Auch in Bezug auf Lernmaterialien wird eine genauere Abgrenzung zu den Materialien von Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache in den Blick genommen. Zudem wird über Möglichkeiten der Alphabetisierung mit Blick auf das Übergangsmanagement diskutiert, denn die Lehrenden der einzelnen Strafanstalten würden den Kursteilnehmern gern die Möglichkeit geben, auch nach ihrer Haftzeit ihre bereits entwickelten Lese- und Schreibkompetenzen auszubauen und zu festigen.


Informationen

Am 01. Juli 2015 fand die RAUS-Fachkonferenz "Alphabetisierung und Grundbildung im Strafvollzug " im Sofitel Berlin Kurfürstendamm statt. Zur Dokumentation gelangen Sie hier.

Kostenlose Schulungen für Multiplikatoren aus den Bereichen Strafvollzug und Straffälligenhilfe durch. Mehr Informationen hier.

Zum Welttag des Buches 2015 wurde der Materialienpool veröffentlicht. Zum Materialienpool gelangen Sie hier.

Aktuelle Termine des Projekts RAUS finden Sie hier.