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26.07.2013 19:24 Uhr

Bewegte Geschichte und bewegende Geschichten im Frauengefängnis


Das Projekt RAUS besuchte in den vergangenen Wochen mehrere Strafanstalten, um weitere Einblicke in den Vollzugsalltag und der Alphabetisierungsarbeit vor Ort zu gewinnen. Zum Abschluss vor der Ferienzeit waren die RAUS-Mitarbeiter zu Besuch bei der JVA Frankfurt III, im größten Frauengefängnis in Deutschland, welches die RAUS-Modellstandorte im Juni komplettierte.

Bei den Besuchen wurden Recherchen durchgeführt, um Rahmenbedingungen gelingender Alphabetisierung im Strafvollzug zu identifizieren und auf ihre Übertragbarkeit hin zu überprüfen. Es wurden Fragen beantwortet, wie: Welche Struktur besitzen gegenwärtige Grundbildungsangebote? Auf welcher rechtlichen Grundlage werden sie durchgeführt und wie werden sie finanziert?

Dabei werden verschiedene Modelle untersucht, bspw. Durchführung des Alphabetisierungskurses durch einen ehrenamtlichen Kursleitenden, Kooperation zwischen der JVA und einem externen Bildungsanbieter (VHS, Internationaler Bund), Durchführung von Alphabetisierungsmaßnahmen durch ein angegliedertes Pädagogisches Zentrum u.a.

Anhand der Ergebnisse werden zwei Manuale zu „Alphabetisierung und Grundbildung in Strafanstalten“ erstellt. Zielgruppe sind Politiker und Ministerialvertreter, Anstaltsleitungen, Lehrer und Pädagogen sowie andere Mitarbeiter im Strafvollzug, wie auch externe Bildungsträger. Sie werden die Etablierung von Grundbildungsangeboten in Gefängnissen erleichtern und Strafgefangenen wirksame Unterstützung geben.

Funktionierende Lernanlässe: Frauen als Vorbilder

In der JVA Frankfurt standen Sabine Brede, Leiterin des Pädagogischen Dienstes, und Frau Kothe, Kursleiterin der Alphabetisierungsmaßnahmen sowie eine Kursteilnehmerin den Fragen der RAUS-Mitarbeitern Rede und Antwort und ließen sie in intensiven Gesprächen an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben. „ Wir haben bereits mit vielen Lehrenden und Lernenden aus anderen Strafvollzugsanstalten Interviews durchgeführt, die uns sehr gute Informationen erbracht haben,“ erläutert Tim Tjettmers, “dabei geht es nicht darum, was die Strafgefangenen verbrochen haben, sondern um Ihre Motivation, Ihre Meinungen und Einstellungen gegenüber der Bildungsmaßnahme. In der JVA Frankfurt III hatten wir zusätzlich die Möglichkeit, Besonderheiten bei der weiblichen inhaftierten Zielgruppe zu erfahren, wie zum Beispiel der intensiven Auseinandersetzung mit starken weiblichen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte.“

Als Dankeschön überreichten die RAUS Mitarbeiter einen leicht lesbaren Klassensatz des Tagebuchs der Anne Frank, des Spaß am Lesen-Verlags. Die Idee hierzu kam nicht von ungefähr. Bereits im Januar 2013 wurde unter der Leitung von Dr. Benjamin Bieber das beeindruckende „Schulprojekt Anne Frank“ in der JVA initiiert, von dem die RAUS-Mitarbeiter bei seinem Vortrag auf dem diesjährigen Bundesarbeitstreffen der Lehrerinnen und Lehrer im Justizvollzug erfahren haben. Als leicht lesbare Lektüre dient sie nun auch Teilnehmerinnen der Alphabetisierungskurse in der JVA Frankfurt als Einladung, in das Leben von Anne Frank einzutauchen, die einen Teil ihres Lebens in Frankfurt verbracht hat.

Bewegte Geschichte in guten Händen: Die JVA Frankfurt III freut sich über neue Lernmaterialien

Hintergrund: Anne-Frank Schulprojekt der Frankfurt III
Im Januar 2013 begannen fünf Schülerinnen, die in ihrer Haftzeit ihren Hauptschulabschluss nachholen, im Rahmen des Deutschunterrichts mit der Lektüre des „Tagebuchs der Anne Frank“. Begeistert von der Lektüre des Tagebuchs, beschäftigten sich die Schülerinnen intensiver mit dem Thema: im Kunstunterricht wie auch durch die Beschäftigung mit den historisch-politischen Gegebenheiten. Die intensive Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und die Konfrontation mit dem individuellen Schicksal und Leid von Anne Frank, führten dazu, Buddy Elias zu kontaktieren. Der Cousin Anne Franks sagte spontan zu einer Lesung zu.

Die Schülerinnen ließen ihrer Kreativität freien Lauf

Am 22. Februar 2013 war es dann soweit: Buddy und Gerti Elias kamen zu einer Lesung in die JVA und berichteten von Anne Frank, beantworteten Fragen und diskutierten über das Leben von Anne Frank. In der Vorbereitung dekorierten die Schülerinnen extra ihren Kursraum, deckten Tische, backten Kuchen und stellten den beiden Besuchern ihre im Kunstunterricht gefertigten Gegenstände vor.

Dr. Bieber fasste zusammen: „In den folgenden Tagen wurde noch einmal deutlich, welchen Eindruck nicht nur die Veranstaltung auf sie gemacht hatte. Es wurde auch deutlich, welchen Eindruck sie selbst auf sich gemacht hatten. Engagement, Kreativität, Präsentieren, Lampenfieber, Erfolg, Selbstvertrauen, Teamarbeit – diese Erfahrungen sind, neben dem unmittelbaren Zugang zur (Zeit-)Geschichte, der ihnen zuvor unbekannt und verschlossen war, Werte, die geschaffen wurden und die womöglich von langer Dauer für die Teilnehmerinnen sein werden. Auch Buddy und Gerti Elias waren sehr beeindruckt – eine solche Veranstaltung, sagten sie später, hätten sie noch nicht erlebt.


Informationen

Am 01. Juli 2015 fand die RAUS-Fachkonferenz "Alphabetisierung und Grundbildung im Strafvollzug " im Sofitel Berlin Kurfürstendamm statt. Zur Dokumentation gelangen Sie hier.

Kostenlose Schulungen für Multiplikatoren aus den Bereichen Strafvollzug und Straffälligenhilfe durch. Mehr Informationen hier.

Zum Welttag des Buches 2015 wurde der Materialienpool veröffentlicht. Zum Materialienpool gelangen Sie hier.

Aktuelle Termine des Projekts RAUS finden Sie hier.